Sams verrückte Chicks

Wie man neue Freunde gewinnt

Im ICE von Köln nach Karlsruhe sitze ich einem älteren Herrn gegenüber. Wir sitzen an einem vierer Tisch, ich schaue ihn an und frage: „Sie sind aber nicht zufällig beim Finanzamt?“, er lacht etwas überrascht und verneint meine Frage. Daraufhin hole ich einen großen Ordner und eine gelbe Edekatüte voller Zettel hervor, grinse ihn an und sage

„Gut, dann kann ich in aller Ruhe mein Buchhaltung machen… meine Mutter sagt nämlich immer, wenn ein Finanzamtmitarbeiter sieht, dass ich all meine Belege in dieser Tüte transportiere, kann ich mir direkt mit Uli Hoeneß eine Zelle teilen“.

 

Er lacht. Wenig später fragt er „Haben Sie eine GmbH?“, ich dachte erst der alte Mann wäre in Wirklichkeit der Seher von Patmos, später bemerkte ich, dass ich mit Edding auf das Ettikett des Ordners fett „GmbH“ geschrieben hatte. Wir unterhielten uns kurz und erzählte, dass er in drei Wochen in Rente gehen würde und überlegt, dass er dann auch eine GmbH gründet um nebenberuflich noch einige Projekte zu betreuen. Derzeit arbeitet er fulltime für eine NGO. Ich tue interessiert, wir kommen ins plaudern. Anders kann man es nicht nennen, kurz darauf bin ich froh darüber meinem Unterbewusstseine eine Ausrede liefern zu können, warum ich gerade nicht Belege sortieren kann und stelle den Ordner, sowie meine wertvolle Plastiktüte weg. Mein neuer Freund war 40 Jahre in der Entwicklungshilfe tätig, er erzählt begeistert von Ländern, die er bereiste, Namibia, Südafrika, Somalia, Äthiopien, Rumänien, Brasilien. In über 50 Ländern hat er während seiner Dienstzeit gearbeitet und in drei Wochen geht er nun in Rente. Seine Augen leuchten, als er von Indien erzählt. Wir reden über mein Studium der Psychologie, meine Arbeit, seine Arbeit, sein naturwissenschaftliches Studium, darüber, dass ihm während seiner Studienzeit einige Zusatzsemester in Psychologie unendlich viel gebracht hatten und wie gut er sich mit seiner brasilianischen Frau ergänzt. Jetzt da er in Rente sei, so erzählt er, überlegen seine Frau und er zusammen zurück nach Brasilien zu gehen, dort wollen sie als Selbstversorger leben. Ähnlich, wie die Familie seiner Frau, die auf einem Hektar Land lebt, sich von den Obstbäumen ernährt und ihre Ernte mit kleinen Babyschildkröten teilt, die überall auf dem Grundstück umherlaufen. Vor meinem geistigen Auge, sehe ich Babyschildkröten – wie Ameisen – eine Banane wegtragen.

Kurz vor Mannheim fragt er ob wir nicht Adressen austauschen wollen. Tun wir auch. Einigen uns auf „Du“ und er bietet mir an, dass ich – wenn ich mal in Brasilien sei – einfach anrufen soll.

Auch, wenn mein neuer Freund kein verrücktes Chick ist, so kann man aus der Geschichte doch einiges darüber mitnehmen, wie leicht es manchmal ist mit Leuten in Kontakt zu haben. Nächste Woche werde ich ihn anrufen und ihn fragen, ob er schon mal überlegt hat ein Buch zu schreiben.

About the author

Sam

Sam Feuerstein ist erfolgreicher Con Artist und reist seit Jahren durch Europa. Er lebt abwechselnd in Wien und auf Mallorca.

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