Gedanken

Whatsapp – Die Beziehungszerstörungsmaschine

Du willst eine Beziehung mit einer schönen Frau? Das solltest du beachten...
Bild: Depositphotos.com @ egorrr

Wenn Leute einen Satz mit „Heutzutage“ beginnen, bekomme ich prophylaktischen Kotzreiz. Das „Heutzutage“ ist das cognitive bias des kleinen Mannes. Immer wenn ich auf Facebook Diskussionen zum Thema „Heutzutage sind die Kinder so frech…“ lesen muss, juckt es mich in den Fingern den Ausspruch des Sokrates dadrunter zu schmieren:

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.

Und auch Behauptungen wie „Früher hieß es ‚verliebt, verlobt, verheiratet‚ heute heißt es ‚gefickt, verarscht, liegen gelassen‚“ lassen mir die Kotze hochkommen, denn sie entziehen sich jeglicher wissenschaftlicher Grundlage.

Vielleicht ist das mein persönliches cognitive bias, doch ich glaube verdammt noch mal nicht, dass die Menschen früher „bessere Menschen“ gewesen sein sollten als heute. Dass sie treuer, ehrlicher, besser erzogen waren.

Gegen die sexuelle Freizügigkeit des Rokoko ist AdultFriendFinder eine Nonnenschule

Auf Woodstock wurde mehr gefickt als in einem Swingerclub, als die Pest im europäischen Mittelalter wütete haben die Menschen alle Moral über Bord geworfen und es mit allem und jedem getrieben und den Römern waren ihre eigenen Schwestern gerade gut genug. 

Und auch Bücher wie Shades of Grey und Feuchtgebiete lesen sich neben den literarischen Ergüssen des Marquis de Sade (1740-1814) eher wie gute Nachtgeschichten für Kindergartenkinder.

Doch nun haben die „Heutzutage“-Sager ein neues Thema auf der Agenda: Whatsapp

Seit dem letzten Whatsapp Update zeigt der Messanger mit zwei blauen Häkchen an, dass die Nachricht gelesen wurde. Früher gab es einen Haken, welcher bedeutet, dass die Nachricht gesendet wurde und einen zweiten, der anzeigte, die Nachricht sei empfangen worden. Folglich konnte ein einzelner Haken darauf hinweisen, dass der Empfänger gerade kein Netz hat oder den Absender geblockt hatte. Ich kenne gefühlt 50% der Whatsapp Nutzer, die bisher in dem Glauben waren, der zweite Haken hieße „die Nachricht wurde gelesen“. Keiner von denen beendete aufgrund dieses Irrglaubens eine Beziehung. Doch genau darum geht es den Kritikern dieses Updates. Whatsapp zerstöre damit Beziehungen, sähe Misstrauen, fördere Eifersucht…

Ich gebe mir wirklich immer viel Mühe, mich in jedes noch so absurde Argument hineinzudenken: doch hier fällt es mir wirklich schwer

Ich verstehe es nicht. Zum bietet Facebook diese „gelesen“-Funktion jetzt schon seit über zwei Jahren. Ich habe noch nirgendwo etwas darüber gelesen, dass seitdem signifikant Beziehungen zerstört worden seien. Und auch meine befreundeten Whatsappnutzer, die zu gefühlten 50% der Gruppe „Ich dachte der zweite Haken heißt ‚gelesen'“ angehören, sind nicht für häufig wechselnde Sexualpartner bekannt. Okay, manche doch aber das waren sie auch schon ohne Whatsapp. 

Auf Twitter tobt ein „Sie machen damit Beziehungen kaputt“-Mimimimimi. Nein, ich verstehe es wirklich nicht. Wenn eine Beziehung daran scheitert, dass der andere nicht auf eine Nachricht antwortet obwohl diese als „gesehen“ markiert wurde, so liegt der Fehler in der Beziehung nicht an Whatsapp. Wenn jemand nicht auf meine Nachrichten antwortet, so antwortet er nicht auf die Nachricht scheiß egal ob er sie gesehen hat oder nicht. Und wer bei Whatsapp ständig auf online ist und auf meine Nachrichten nicht antwortet, der signalisiert mir seine „Antwort“ auch ganz klar ohne einen gelesen-Haken.

Julia Hackober schreibt in einem wirklich guten Artikel auf Welt.de: „Wenn er aber auf eine sorgfältig komponierte, möglichst casual klingende Folgenachricht wie „Na, alles gut“, nach einer Woche immer noch nicht geantwortet hat, bei Whatsapp allerdings der blaue Haken leuchtet, dann ist klar: Diesen Typen kann man vergessen.“

Auch ein „gelesen aber nicht geantwortet“ muss doch nichts heißen. Wenn ich also früher jemandem geschrieben habe, aber keine Antwort bekam, dann war das „okay“ doch jetzt wo ich sehe, dass er die Nachricht gelesen hatte aber trotzdem nicht antwortet, ist es also nicht mehr okay? Ich konnte mir vorher nicht denken, dass er das wahrscheinlich schon gesehen hat. Und was bedeutet es überhaupt, dass man keine Antwort bekommt?

Es bedeutet überhaupt nichts! Außer man ist zerfressen von Selbstzweifeln und sucht überall Anhaltspunkte für das Urteil anderer über die eigene Person. „Oh, sie hat die Nachricht gelesen aber antwortet mir nicht, wahrscheinlich fickt sie gerade nen anderen„.

Wie oft macht man Nachrichten auf und denkt sich „Ich schreibe später zurück“, weil man erst darüber nachdenken möchte, weil man gerade keinen Bock oder keine Zeit hat? Wie oft vergisst man es dann? Mir passiert das ständig. Ich bekomme jeden Tag Nachrichten bei Whatsapp auf die ich nicht sofort antworte obwohl ich sie gelesen habe. Vielleicht bin ich ein schlechter Mensch, aber ich bin sicher damit nicht allein. Und ich tue das vor allem nicht, weil ich etwas zu verheimlichen hätte. Sogar meiner besten Freundin antworte ich nicht immer sofort und das obwohl es gar keinen Grund gibt, sie darüber im Unklaren zu lassen, dass ich ihre Nachrichten gelesen habe.

 

Ich bewundere immer wieder wie viel Menschen darin hineininterpretieren können, dass sie keine Antwort bekommen

Julia Hackober schreibt weiter „Und sich nicht mit dem Erfinden von Ausreden für einen Mann quälen, dem nicht nur ein Anruf, nein, sogar das zweisekündige Tippen einer Antwort zu viel ist. Auf ein lasches „jo, und bei dir?“ kann man ohnehin sehr gut verzichten, genau wie auf den dazugehörigen Typen, das nur mal Rande.“

Es heißt doch nicht, dass jemand kein Interesse an dir als Person hat, nur weil er nicht auf deine Whatsappnachricht antwortet. Whatsapp ist ein vollkommen überbewerteter Kommunikationskanal, ebenso wie Facebook.

Wenn ich mit einer Person auf ein Date gehe oder in einer Beziehung bin, stehen mir noch mehr Kommunikationskanäle zur Verfügung als nur Whatsapp. Ich erreiche diesen Menschen, wenn ich es möchte und wenn er/sie es möchte. Wenn ich diese Person nicht erreiche, dann liegt der Fehler in meiner Beziehung.

Wenn ich eifersüchtig werde, weil ich bei Whatsapp trotz „gelesen“ keine Antwort bekomme, so liegt der Fehler in der Beziehung und/oder in meiner Person (Stichwort Eifersucht und Selbstbewusstsein).

Ich finde „Überwachung“ auch nicht gut, doch wenn es mich so sehr stört, dann höre ich auf Whatsapp zu nutzen.

Die „Heutzutage“-Diskussion hat derweil ganz andere Ausmaße angenommen. Wir sind wieder beim allseits beliebten „Das Internet macht alles schlechter und unsere Generation ist so schlecht“ angelangt.

„Weil die fremdgehquote bei über 80% liegt und das liegt mitunter an der Vereinfachung Leute kennen“ (…) „bestes Beispiel ist lovoo?! Das is ne App zum Vögeln. Das ist so da lernt man keine beste Freunde kennen“ (@xHeavenx1988)

Ich verweise wieder an die sexuelle Freizügigkeit des Rokoko. Vögeln ohne Beziehung, kann ich auch ohne Lovoo. Ich habe übrigens noch nie über Lovoo gevögelt, aber oft genug ganz ohne Internet. So richtig kennenlernen in der normalen Welt.

Ich erinnere mich an ein Interview mit Kurt Molzer im Radio 95.5 Charivari aus dem Jahre 2009 in dem die Zukunft von Männermagazinen im Hinblick auf das Internet als Konkurrenz angesprochen wurde. Damals hieß es von Molzer:

(…) Wir haben es verlernt im Zeitalter des Internets uns auf konventionellem Wege kennenzulernen. Männer und Frauen treten auf der Straße nicht mehr normal einander gegenüber. Wir müssen wieder aufeinander zugehen und uns nicht und nicht uns bequem nach Büroschluss zu Hause vors Internet hocken und stundenlang onanieren. (…)

Ich weiß nicht, ob es heute einfacher ist Leute kennenzulernen. Es ist sicherlich anders.

Ich glaube daher auch nicht, dass wir eher dazu neigen fremdzugehen, weil wir Apps wie Lovoo oder Badoo nutzen können. Wenn in einer Beziehung der Punkt erreicht ist, wo ich fremdgehe, dann liegt der Fehler in der Beziehung. Die Tatsache, dass ich schneller einen passende/n Partner/in zum Fremdgehen finden würde, verkürzt das Beziehungsende nur. Doch gekommen wäre es sowieso.

Ebenso ist es bei Whatsapp. Wenn eine Beziehung daran zerbricht, dass meine Freundin sieht, dass ich ihre Nachricht gelesen aber nicht beantwortet habe. Dann ist die Beziehung bereits kaputt.

Ich finde dieses Update gut. Zukünftig wissen Frauen, dass ich ihnen nicht antworte, weil ich ihnen nicht antworte und nicht weil ich es nicht gelesen hätte. Sollte ich doch mal Lust auf Spielchen haben und suggerieren wollen, dass ich etwas nicht gelesen habe, so bleibt mir immer noch die Option Whatsapp nicht zu öffnen. Dann steht da auch nicht „zuletzt online … “ 

About the author

Sam

Sam Feuerstein ist erfolgreicher Con Artist und reist seit Jahren durch Europa. Er lebt abwechselnd in Wien und auf Mallorca.

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