Träume: Traumdeutung – Die Entschlüsselung zur Selbsterkenntnis

Traumdeutung

Im ersten Teil haben wir bereits über Träume berichtet. Doch wie können diese gedeutet werden und haben sie überhaupt eine Bedeutung?

Träume bergen viele Geheimnisse. Eines davon – und vielleicht das mit Abstand am spannendste – ist das des Wahrheitsgehalts und der Symbolik dessen, was wir träumen.
„Der Traum ist der königliche Weg zu unserer Seele“, wie Sigmund Freud einmal bemerkte. Und leitet damit auf das hin, was uns durch unsere Träume offenbart wird: Den innigsten Wünschen und Bedürfnissen. Und genau hier wird die Traumdeutung wichtig.

Die göttliche Quelle

Die Traumdeutung, auch Oneirologie, befasst sich damit, hinter den Bildern und Gefühlen, die im Traum erlebt werden, wichtige symbolische Botschaften zu vermuten. Diese Botschaften werden dann durch weltanschauliche Konzepte versucht, methodisch zu deuten.
In der Antike wurde den Träumen zugeschrieben, eine göttliche beziehungsweise bei Alpträumen eine dämonische Quelle zu haben. Diese wollte über den Weg des Traums Botschaften an den Menschen übermitteln. Nach volkstümlichen Auffassungen soll sie den Menschen sogar in Versuchung geführt haben. Doch spätestens seit der Zeit der Aufklärung wurde philosophisch stark angezweifelt, dass Träume die Aufgabe hätten, Botschaften zu übermitteln.
Während Neurologe und Psychologe Sigmund Freud die Theorie bejahte, Träume wären Informationsquellen über uns selbst, ist dies in den Neurowissenschaften sehr umstritten.

Was sagen die Wissenschaftler?

Unter den Medizinern, Psychologen und Biologen gibt es große Meinungsverschiedenheit über die Wichtigkeit sowie die Sinnhaftigkeit tiefenpsychologischer Traumdeutung.
Francis Crick und Graeme Mitchison auf der einen Seite führen das Phänomen Traum auf die zufälligen Erregungsmuster des Gehirns im Schlaf zurück, also auf neuronale und kognitive Gehirnprozesse, die unwichtige Verhaltensweisen löschen würden. Aus ihrer Sicht sei also keine Traumdeutung erforderlich, da es sich lediglich um Produkte niederer Hirnfunktionen handele.
Auf der anderen Seite gibt es Wissenschaftler, die einen Zusammenhang zwischen den Gehirnprozessen und den psychoanalytischen Theorien des Unbewussten nach Freud erkennen. Die Gehirnforscher Gerhard Roth und Marc Solms zum Beispiel verglichen die durch Tomografie sichtbaren Gehirnprozesse mit den bewussten Denkinhalten befragter Probanden. In ihrem Versuch entdeckten sie, dass mit Bildern oder Aufgaben konfrontierte Gehirne eine steigende neuronale Aktivität aufwiesen, ohne dass die Testpersonen sich währenddessen überhaupt über einen Gedanken oder auch nur ein Gefühl bewusst waren – die Entscheidung über einen Sachverhalt erfolgte also viel früher als die eigentliche Bewusstwerdung desselben.
Dieses Phänomen erbrachte für die Forscher einen indirekten Beweis für das von Freud entwickelte Strukturmodell der Psyche, welches relevant ist für die tiefenpsychologische Traumdeutung.

Das zweite topische System

Um Freuds Theorie der Tiefenpsychologie besser zu verstehen, machen wir nun einen kleinen Ausflug in sein Modell der menschlichen Psyche.
Das Strukturmodell der Psyche, das Freud 1923 in seinem Werk Das Ich und das Es erarbeitete, ist dreigeteilt, wobei jeder Bereich unterschiedliche Funktionen in der Psyche des Menschen erfüllt.
Zum Einen das Es, welches das Unbewusste darstellt und sich an die Triebe, Bedürfnisse und Affekte richtet. Dann das Ich, das für das Bewusste und sogar Selbstbewusste steht und Aufgaben wie Wahrnehmung, Denken und Gedächtnis erfüllt. Und als letztes Element das Über-Ich, welches sich aus Normen und Werten bildet sowie aus Gehorsam, Moral und Gewissen.
Das Es ist als erste Instanz entstanden, sozusagen angeboren, und handelt nach dem Prinzip der Lust – es folgt also seinen Trieben wie zum Beispiel nach Nahrung oder Sex, versucht Bedürfnisse wie Achtung oder Respekt zu befriedigen beziehungsweise handelt affektiv und emotional, aus Liebe, Wut oder Scham. Dieses Streben nach dem Lustprinzip prägt daher unbewusst das menschliche Handeln und gibt ihm eine Grundstruktur.
Das Ich, das „bewusste Denken im Alltag“, vermittelt zwischen den Bedürfnissen des Es und den Ansprüchen des Über-Ichs in Kombination mit der Umwelt. Es versucht, Konflikte zu bewältigen und beim reifen Menschen das Lustprinzip durch das Realitätsprinzip zu ersetzen. Dabei handelt es sogar nach selbstkritisch geprüften Prinzipien – das Ich kontrolliert und beeinflusst die Triebe des Es durch grundlegende Bewusstseins- und Gefühlsinhalte bezüglich der eigenen Person und bestimmt somit das Selbstbewusstsein sowie den Sozialcharakter. Nach Freud ist das Ich aus dem Es hervorgegangen und durch die Sozialisation weiterentwickelt worden.
Das Über-Ich, das parallel zum Ich entstand, symbolisiert die moralische Instanz und damit weitestgehend die Erziehung durch die Gesellschaft: Erst durch das Über-Ich kann sich der Mensch sozialgerecht verhalten und hat das Triebverhalten des Es unter Kontrolle.

Was sagen Freud und Jung?

Freud ist der Ansicht, dass weder die göttliche Quelle, also ein prophetischer Gehalt, für Träume verantwortlich ist, noch, dass es sich um eine reine Verarbeitung von Tageserlebnissen handelt. Er ist eher der Auffassung, dass jedem Traum eine „höchst intime Botschaft“ zugrunde liegt, die über die Situation des Träumers, stark beeinflusst durch Erlebnisse und Erfahrungen in der Kindheit, Auskunft gibt. Demnach hat für ihn die Traumanalyse die existentiell bedeutende Aufgabe, zur Selbsterkenntnis beizutragen.
Seine Erklärung für die Existenz von Träumen besteht darin, dass die unbewussten psychischen Inhalte per „Zensur“ gehindert werden, ins Bewusstsein einzudringen. Somit müssen sich die Inhalte einen Weg um den Verdrängungsmechanismus herum suchen. Da im Schlaf das bewusste Denken eine niedrigere Hemmschwelle erfährt als das Bewusstsein am Tag, haben die ins Unbewusste verdrängten Inhalte die Chance, sich in Träume zu gestalten und somit durch eine Art „Vorbewusstsein“ das Bewusstsein wieder zu erreichen. Diese Inhalte des Unbewussten, vermischt mit Bedürfnissen, Tageserlebnissen, Eindrücken aus dem Langzeitgedächtnis sowie einem kleinen Anteil bewussten Denkens gilt es zu deuten – obwohl sie verschoben sind sowohl gegenüber dem gewohnten Zeitablauf im Wachzustand als auch gegenüber Naturgesetzen wie zum Beispiel der Schwerkraft.
Diese „höchst intimen Botschaften“, tiefe psychische Inhalte, entstammen dem Es, also dem Unbewussten. Es sind demnach triebhafte Bedürfnisse, die befriedigt werden wollen.
Diese sowohl biologisch als auch sozial verankerten Wünsche bilden das Hauptreservoir der psychischen Energie, auch Libido genannt. Aus dieser Quelle heraus erklärt Freud sein ganzes Strukturmodell der Psyche und damit den biologischen Organismus.
Die eigentliche Erklärung für das Vorkommen von Träumen ist deshalb auch das Über-Ich. Dieses ist „Schuld“ daran, dass die Triebwünsche des Es nicht mehr beim Ich und dessen Bewusstsein ankommen, es gibt also eine Störung zwischen den drei Instanzen der Psyche. Die Forderungen des Es bleiben im Unbewussten zurück – jeder Traum ist also ein Versuch des Es, seine Wünsche dem Ich, entgegen den Anforderungen des Über-Ichs, bewusst zu machen. Diese einander widersprechenden Forderungen bilden den latenten Trauminhalt, also die eigentlich zu deutende Botschaft.
Gegensätzlich dazu gibt es auch den manifesten Trauminhalt: Er beschreibt die Symbole, die dem Träumer nach dem Erwachen im Gedächtnis geblieben sind und über welche die unter der bewussten Oberfläche gebliebenen latenten Inhalte gedeutet werden können.
Hierzu wird die freie Assoziation durch den Träumenden wichtig: Spontane Ideen über jedes Traumsymbol geben zusätzliche Informationen über die latente Botschaft. Unter Berücksichtigung von bereits erwähnter Verschiebung und Verdichtung im Traum kann dann der Traum leichter entschlüsselt werden und somit zur Selbsterkenntnis grundlegend beitragen.

Laut Definition des Psychiaters Carl Gustav Jung ist ein Traum das Deutlichwerden der inneren Wirklichkeit des Träumenden und daher wären die freien Assoziationen, die ein zu seinem Traum Befragter hat, zur Traumdeutung nicht notwendig. Vielmehr arbeitete Jung mit dem Begriff des kollektiven Unbewussten, nach dem Menschen gleiche Grundassoziationen hätten, unabhängig ihrer Kultur. Er entwickelte sogenannte Archetypen wie Animus für Verstand oder Anima für Leben, die sich auch im Verhältnis von Natürlichkeit und Künstlichkeit finden lassen.
Diese archetypischen Symbole stellt Jung zu einem Katalog zusammen, mit dessen Hilfe den im Traum vorkommenden Bildern feste Bedeutungen zugeordnet werden können. So kann der Traumanalytiker jedes Symbol nachschlagen und die Bedeutungen miteinander kombinieren, um den Traumgehalt herauszufinden.
Freud kritisierte an Jung jedoch, dass seine Vorgehensweisen die Naturwissenschaften zu sehr unbeachtet ließen – es dürfe keinen Widerspruch geben zwischen den Bedürfnissen der Psyche des Träumenden und den biologischen Befunden.

Ganz andere Denkweisen

Natürlich können Träume auch anders gedeutet werden als auf Freudsche oder Jungsche Art.
In der Gestalttherapie beispielsweise werden Träume zwar ebenfalls als Botschaften an den Träumer verstanden. Vielmehr wird hier aber kein latenter Trauminhalt erforscht, sondern ausgewählte Trauminhalte wie Personen oder Gegenstände werden als enteignete Teile von sich und seiner Umwelt verstanden, die es zu untersuchen und zu verstehen gilt.
Laut der Daseinsanalyse ist ein Traum, gleichbedeutend dem Wachzustand, ein In-der-Welt-sein. Der Philosoph Martin Heidegger definierte Welt dabei nicht als Summe allen Seins, sondern eher als eine Bedeutungsganzheit, in der sich alle Dinge aufeinander beziehen.
Auf diese Definition stützt sich Ludwig Binswanger, Begründer der Daseinsanalyse. Der Unterschied seiner Theorie ist also, dass dem Träumer nur erscheint, was seiner Stimmung und Befindlichkeit entspricht. Man muss folglich keinen Sinn in den erinnerten Trauminhalten suchen, es werden lediglich Übereinstimmungen gesucht zwischen den Traumgeschehnissen und den Verhaltensweisen in der „Wachwelt“.
Die Klientenzentrierte Psychotherapie beschäftigt sich vor allem mit den manifesten Trauminhalten. Beim Interpretationsversuch werden dann die Stimmung und Wahrnehmung des Traums sowie die eigentliche Handlung beachtet und zur Selbstaktualisierung eingesetzt – Stimmung und Handlung des Traums sollen hier Aufschluss geben über die innere Kraft des Träumers zum Wachstum sowie zur Selbstverwirklichung.
Eine letzte interessante Methode zur Traumdeutung ist die des Focusing. Eugene T. Gendlin entwickelte sie als eine Technik zur Selbsthilfe bei persönlichen Problemen. Als Traum sieht er den Zugang zu bewusstseinsfremden Persönlichkeitsteilen. Um der Bedeutung des Traums näher zu kommen, befragte er seine Probanden: Er studierte ihre körperlichen Reaktionen beim Reflektieren der Traumbilder im Wachzustand, genannt körperliche Resonanz oder auch Felt Sense, und konnte so neue Deutungsaspekte gewinnen.

Egal also, wie wir es nennen: Träume sollen grundlegend dazu beitragen, dass wir uns über uns und unsere Wünsche bewusst werden. Sie machen uns deutlich, wie es in unserem Inneren eigentlich tatsächlich aussieht und stehen für Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung, für unsere innere Wahrheit. Durch Träume sollten wir die einzelnen Teile unserer Psyche bewusster wahrnehmen und genauer hinhören. Denn im Grunde wissen wir, was für uns am besten ist und sollten auch danach handeln. „Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum.“ – Wie wahr…

Wer sich selbst ein wenig mit dem Thema Traumdeutung auseinandersetzen will und Gefallen an den Theorien von Sigmund Freud gefunden hat, kann das passende Taschenbuch HIER bestellen.

Werbung:
Mein BASE

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>