Sams verrückte Chicks

potrebbe essere una delusione

Auf dem Weg nach Berlin wurde ich beim Schwarzfahren gepackt. Ausgerechnet ich, der noch nie in seinem Leben ein öffentliches Verkehrsmittel ohne gültiges Ticket betreten hat. Korrigiere: ohne vermeintlich gültiges Ticket, musste vom Schaffner darüber aufgeklärt werden, dass das Ticket in meinem Besitz für diese Preisstufe keine Gültigkeit mehr besitzt.

Ein Telefonat am Bahnsteig, das weniger als 2 Minuten dauerte, wurde zwischenzeitlich davon unterbrochen, dass sich ein Opa lautstark darüber aufregte, ich solle doch bitte wo anders hingehen, wenn ich unbedingt telefonieren müsste. Was ist eigentlich mit den Menschen los? Mein Hass auf Deutschland steigt, denn komischerweise sind telefonieren in normaler Lautstärke oder auch persönliche Unterhaltungen in der Öffentlichkeit in keinem anderen Land auf der Welt ein Problem. Erst kürzlich telefonierte ich in einer U-Bahn in Deutschland mit einer Freundin auf Niederländisch, was einen Herrn dazu veranlasste durch den Zug zu brüllen, dass „der Holländer doch bitte einfach mal seine Fresse halten soll“. Ein andern Mal sitze ich mit einem Freund aus Israel in einer U-Bahn und wir unterhalten uns auf Englisch, bis ein Typ angepöbelt kommt und einen von „in Deutschland spricht man deutsch“, faselt.

Irgendwie tun sie mir Leid, die Leute, die niemals über den Tellerrand geschaut haben. Ich bin der festen Überzeugung, dass sie nur so verbittert sind, weil in ihrem Leben selbst so viel schief gelaufen ist. Ich erinnere mich gern wieder an den alten Mann, den ich im ICE nach Karlsruhe getroffen habe, über 50 Länder hatte er bereist, die Einwohner der meisten weit unter der Armutsgrenze, doch nirgendwo haben die Leute so schlechte Laune wie in Deutschland, hatte er gesagt. Aber vielleicht bin auch einfach nur ich komisch.

Auf der Rückfahrt kam ich mit dem jungen Mann auf dem Sitz neben mir in Kontakt, Lasse aus Amsterdam. Wir unterhielten uns erst auf Englisch, später auf Niederländisch. Obendrein stellte sich auch noch heraus, dass Lasse beruflich genau das selbe macht wie ich. Ein Grund mehr Facebook auszutauschen und in Kontakt zu bleiben.

In Bielefeld stieg dann eine junge Frau ein. „Die ist scharf, wieso kann sie keine niederländische Marketerin sein?“, dachte ich noch, konzentrierte mich dann aber wieder auf das Gespräch mit Lasse. Bro before Hoe eben, zumindest noch, ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass ich Lasse gleich zusammen mit der neuen Bekanntschaft verlassen werde, denn kurz darauf bekam ich mit, dass sie die Fahrgäste vor uns auf Englisch fragte, ob sie ihr helfen könnten Guthaben auf ihre gerade gekaufte Prepaidkarte zu laden. Als sie enttäusch wurde, rief ich durch den halben Zug auf englisch, dass es zwar schon mindestens 10 Jahre her sei, dass ich das gemacht hätte, aber ich könne es wenigstens versuchen.

Lost in Germany

Die Verzweifelte erzählte, dass sie „Lost in Germany“, sei. Ich hielt das zu diesem Zeitpunkt noch für einen Scherz. Doch später sollte sich herausstellen: es war keiner!
Sie stellte sich als Laura vor. 21 Jahre alt aus Florenz, studiert Medizin in Rumänien. Sie war mit Freundinnen in Amsterdam, musste aber früher – ohne ihre Freundinnen – abreisen wobei sie aus Kostengründen ab Düsseldorf fliegen wollte. Sie sei im falschen Zug gelandet und in Bielefeld rausgekommen, ihren Flug in Düsseldorf natürlich verpasst und nun ist sie „irgendwo in Deutschland“. In Bielefeld – dank Wikipedia wusste sie, dass es Bielefeld gar nicht gibt – sagte man ihr, sie solle sich zum Flughafen in Dortmund begeben, also erkundigte sie sich bei einem Taxifahrer nach einem Kostenvoranschlag. 350 Euro. Okay, also ein Zugticket kaufen. Das war definitiv die beste Entscheidung, denn andernfalls wären wir einander nie begegnet. Sie tat mir Leid, wirklich. Da ich ebenfalls aussteigen musste, machte ich ihr das Angebot ihr zu zeigen, wie man zum Flughafen kommt. Nach Ausstieg schlug ich vor erstmal etwas Essen zu gehen und während des Essens, strahlte Laura mich an und sagte mir, dass ich der netteste Deutsche sei, den sie je getroffen habe. „Scheiße„, dachte ich, „normalerweise sagen mir Frauen nur, dass ich so ein großes Arschloch bin, wir landen also heute definitiv nicht mehr im Bett„.

Der Flughafen Dortmund liegt – naturgemäß – erst einmal am Arsch der Welt. Auf dem Weg zum Flughafen eröffnete sie mir, dass sie in Wirklichkeit eine „crazy psycho bitch“ sei, die mich nur in ihr Horrorhaus locken wollte um mich dort zu quälen und zu vergewaltigen. „Laura Horror Picture Show“. Die gefiel mir.

Während unserer Fahrt erheiterte ich Laura mit meinen Italienisch Kenntnissen, ich benutze abwechselnd zwei Sätze, die man unbedingt auf Italienisch können sollte, weil man sich dank ihnen erfolgreich durch jede noch so abgefuckte Situation manövrieren kann. Der erste ist „Lei ha bisognio di bere del vino“ (sie muss Wein trinken), und der zweite ist mindestens ebenso wichtig und darf nicht unterschätzt werden: „potrebbe essere una delusione“ (es könnte eine Enttäuschung sein). Im Gegenzug beeindruckte sie mich damit, dass sie fünf Sprachen spricht und sogar Bücher auf Latein liest. Sogar einen Satz Deutsch hatte sie an diesem Tag gelernt: „Bitte einen Sekt“, eine Aussage die sie an diesem Tag definitiv weitergebracht hatte. Wir gingen an einer richtig fetten Frau, Typ „maskuline Lesbe“, vorbei die über den ganzen Platz mehrfach „Scheißegal“, schrie. Laura wiederholte „scheißegal, scheißegal… what does scheißegal mean?“, wollen wir hoffen, dass das nicht das einzige Bild bleibt, das sich von Deutschland in ihren Kopf eingebrannt hat. Sie zeigt mir ihre Tattoos, erzählt, dass sie das Medizinstudium nur begonnen hat um ihrem verstorbenen Vater einen Wunsch zu erfüllen, aber jetzt auf Philosophie umsteigen möchte. Wir tauschten noch Handynummern und Facebook aus und Laura verbrachte etwas Zeit damit durch mein Profil zu surfen und mir zu erzählen welche Fotos ihr besonders gut gefallen würden.

Henri Coandă

Wie war das mit der vermeintlichen Enttäuschung? Eine Enttäuschung war es wahrlich, dass am Flughafen Dortmund die Information kaum Englisch spricht. Wo sonst auf der Welt sollte Englisch sprechen eine Vorraussetzung sein, wenn nicht am Flughafen? Getoppt wurde das noch davon, dass Laura nach dem Flughafen „Henri Coandă“ fragte und man ihr sagte, dass dieser Flughafen nicht angeflogen werden würde und man auch noch nie von ihm gehört habe. Flughafen Bukarest hingegen hätten sie. Wie ich später herausfand, war Henri Coandă der Flughafen Bukarest, so wie der Münchener Flughafen Franz-Josef Strauß heißt und man in New York zum J.F. Kennedy Flughafen fliegt.

Wann kann man ein Ticket dahin kaufen?“, fragte ich. „Morgen“ … ACH WAS? Es war 23:28 Uhr, welch eine Überraschung, dass ich in den nächsten 32 Minuten keins mehr kriege……………… „ja, wann morgen? Wie lange müssen wir hier warten, bis der Schalter öffnet?“ „bis 07:00 Uhr“, okay, dachte ich noch kurz, das wäre ja eine Möglichkeit einfach im Flughafen zu chillen bis morgen, ich kam noch nie dazu diesen Gedanken zu Ende zu denken, da sagte mir die überaus kompetente Flughafen Mitarbeiterin, dass das Gebäude um 00:00 Uhr schließe und erst um morgen früh wieder öffne.

Lass uns ein Hotel suchen“, haute Laura plötzlich raus. Okay, dachte ich, vielleicht behält der Abend doch noch mehr Überraschungen für mich bereit. Das „nahe am Flughafen gelegene Hotel“, liegt übrigens nicht nahe am Flughafen. Wurde also auch nichts aus dem Hotelzimmer.

Wir fuhren wieder in die Stadt, tranken RedBull aus ihrem Koffer und besorgten ihr dann ein Zugticket von Dortmund nach Wien und von da aus nach Bukarest. Gesamtpreis 300,- Euro. Aber immerhin noch günstiger als es ein LastMinute Flug mit ihrem gesammelten Übergepäck gewesen wäre. Ich beneidete sie dafür, dass sie wenig später wirklich in einen ICE nach Wien steigen wollte und erzählte ihr, dass ich nächsten Monat auch endlich wieder in meine Stadt fahre. Sie strahlte über das ganze Gesicht und kündigte an mich dort besuchen zu wollen.

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About the author

Sam

Sam Feuerstein ist erfolgreicher Con Artist und reist seit Jahren durch Europa. Er lebt abwechselnd in Wien und auf Mallorca.

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